Pressemitteilung vom 08.09.2000
Das Drama Chefnachfolge
Irgendwann ist es in jedem Unternehmen soweit. Irgendwann muss der
große Chef, der das Unternehmen über Jahre geleitet hat,
seinen Hut nehmen. Aus Altersgründen meist oder aus dem einfachen
Grund, dass die Entwicklungen ihn und seine Methoden überholt
hbent. Und dann steht einer der heikelsten Momente für ein Unternehmen
an: der Führungswechsel, die Thronfolge, die Hofübergabe,
wie man hier in Südtirol zu sagen pflegt. Das „Drama“,
das sich hier abspielt ist uralt.
Es gibt manche Möglichkeiten sich aus dem Geschäft zurückzuziehen
und sie klingen attraktiv und weltmännisch: verkaufen, fusionieren,
aufspalten und die Betriebsteile verkaufen oder einen Management
Buy Out initiieren. Doch alle Alternativen haben eine wesentlichen
Nachteil: Das Unternehmen geht dem Firmenchef verloren. Das Lebenswerk,
die geschäftliche Identität entzieht sich dem Ein¬flußbereich
des Firmenchefs und ist für ihn nicht mehr greifbar. Der ganze
Stolz ist weg, zurück bleibt die Leere.
Im Grunde werden Nachfolgeprobleme immer noch über zwei Möglichkeiten
gelöst: Entweder man beruft einen Erben, der aus den eigenen
Reihen stammt, im Unternehmen groß geworden ist, es wie seine
Westentasche kennt, auch persönliche Beziehungen geknüpft
hat. Oder die Führung des Unternehmens geht an einen Topmanager
von außen, an jemanden, der sich in anderen Unternehmen einen
Namen gemacht hat und den man für den geeigneten Mann auf dem
Posten des Nachfolgers hält. Soweit alles klar. Oder doch nicht?
Studien haben ergeben, dass drei von vier „externen“ designierten
Nachfolgern den endgültigen Sprung an die Spitze des Unternehmens
nicht geschafft haben. Sie haben zuvor das Handtuch geworfen oder
haben sich in Kämpfen mit dem „Chef“ derart verstrickt,
dass ein Fortkommen unmöglich wurde.
Etwas besser sieht die Situation bei den „internen“ Nachfolgern
aus: Aber immerhin einer von zwei designierten Thronfolgern hat den
Thron nie bestiegen. Was ist passiert? Was hat sich zwischen der
Ernennung zum Erben des Chefsessels und den Scheitern abgespielt?
Ein uraltes psychologisches Drama, könnte man behaupten.
Die Schwierigkeiten sind einzig und allein bei den beiden Hauptpersonen
des Dramas zu orten: Auf der einen Seite haben wir den alten Chef:
erfahren, routiniert, geschätzt, erfolgreich und geachtet. Auf
der anderen Seite den designierten Erben, der wohl oder übel
an diesem Bild kratzen muss. Sehen wir uns den ganzen Ablauf einmal
näher an: der Einfachheit halber unterscheiden wir drei Phasen:
In der ersten Phase haben sich der Chef und die Führungsspitze
des Unternehmens auf einen Nachfolger geeinigt. Der große Chef
fühlt sich sichtlich wohl in seiner Haut, hat die Hofübergabe
geregelt, sieht sein Lebenswerk in guten Händen, hat seine Pflicht
getan. Der Neue wird sich sofort mit Elan in die neue Aufgabe stürzen,
setzt Neuerungen durch, hat Erfolg, erweist sich als Idealbesetzung.
Und das Problem? Das kommt noch.
In Phase zwei treten wir ein, wenn der Nachfolger das Unternehmen
mit seinen Innovationen kräftig durchgerüttelt hat. Die
Maschine läuft frisch geölt, trennt sich von Althergebrachtem,
zwangsläufig von Abläufen, die der Patriarch eingeführt
hat. Dieser sieht sein Vermächtnis schwin¬den, sieht, dass
ihm die Fäden nach und nach aus der Hand genommen werden. Skepsis
macht sich bei ihm breit und es beginnt Phase drei.
Sie beginnt mit einer Reaktion, die allzu menschlich, aber für
das Unternehmen fatal sein kann: Der Alte erklärt dem Neuen
den Krieg. Neuerungen des Erben stoßen auf Widerstand, die
Seil¬schaften des Chefs beginnen sich langsam aber sicher gegen
den Neuen zu stellen. Abgeblockte Initiativen, Sand im Getriebe,
Stillstand. Für den Thronfolger ergibt sich eine ungute, weil
frustrierende Situation. Allzu viele designierte Nachfolger geben
sich geschlagen, die Hofübergabe ist gescheitert!
Die Leidtragenden sind in aller erster Linie die beiden Hauptpersonen,
nämlich Chef und Nachfolger (wobei dies für letzteren größere
berufliche Folgen hat als für ersteren, der an der Schwelle
zum Ruhestand steht), aber nicht zuletzt natürlich auch das
Unternehmen.
Wie kann man nun diesem Drama der gescheiterten Hofübergabe
entgehen? Die Fäden für die Lösung des Problems laufen
eigentlich allesamt in einer Hand zusammen – in jener des designierten
Nachfolgers. Vier Tips für ihn, deren Wirkung wir im Laufe unserer
langjährigen Coaching¬erfahrung immer wieder bestätigt
sehen konnten:
•
Sammeln Sie so viele Informationen über den Firmenchef, wie
nur irgend möglich ist, und zwar berufliche wie auch persönliche.
Lassen Sie sich dabei zur Hand gehen: von Mitar¬beitern, die
den Chef persönlich kennen, von Beratern, die das Unternehmen
begleiten und mit fachlichen und vor allem neutralen Urteilen aufwarten
können. Dank der Informationen können Sie sich ein Bild
Ihres Vorgängers machen und können verstehen lernen, welchen
Schwierigkeiten sich der Chef durch die bevorstehende Stabsübergabe
gegenüber sieht. Stellen Sie sich mental auf die Konfliktsituation
ein, die zwar nicht durch Sie persönlich hervorgerufen wurde,
für die Sie, als Vollstrecker der Stabsübergabe, jedoch
persönlich gerade zu stehen haben. So werfen Sie nicht gleich
das Handtuch, wenn die sich einstel¬lenden Nachfolgekämpfe
schwierig werden.
•
Sorgen Sie dafür, dass Sie – einmal ins Unternehmen eingetreten – einen
regelmäßigen Austausch mit dem Chef pflegen. In persönlichen
Gesprächen lassen sich potentielle Missverständnisse und
auch aufkeimende Widerstände am besten und rechtzeitig ausräumen.
Gleichzeitig empfangen Sie so Signale eines bevorstehenden Machtkampfes
früher und direkter und können sich darauf einstellen.
Als Nachfolger soll man versuchen, Neuerungen, die man durchzusetzen
trachtet, zuerst mit dem Firmenchef zu besprechen. Hören Sie
sich seine Meinung an, beteiligen Sie ihn an Ihren Innovationen.
•
Knüpfen Sie ein enges Netz persönlicher Beziehungen zu
Menschen, die Ihnen in intensiven Momenten zur Seite stehen und die
im Idealfall ihrerseits wiederum einen direkten Draht zum Firmenchef
haben. Optimal ist eine ausgewogene Mischung „interner“ und „externer“ Berater.
Auch hier kann Sie ein Unternehmensberater begleiten, kann Ihnen
helfen, schwierige Entscheide richtig vorzubereiten, zu kommunizieren.
•
Konzentrieren Sie sich einzig und allein auf Ihre beruflichen Ziele.
Ist einfach, sagen Sie? Mitnichten, sagen wir: Allzu oft betrügen
uns unsere eigenen Gefühle, geben wir uns geschlagen, weil wir
auf menschlicher Ebene enttäuscht sind, lassen wir uns in Kämpfe
verwickeln, in denen es um nichts anderes geht als um verletzte Eitelkeiten.
Versuchen Sie, Ihre Emotionen, Urteile und Vorurteile außen
vor zu lassen. Gehen Sie die Stabsübergabe möglichst ausgeglichen
an.
Eines können wir Ihnen versichern: Der Konflikt bei der Hofübergabe,
jener archaische zwischen Jung und Alt, zwischen Arriviertem und
Neuem, zwischen Tradition und Entwicklung wird sich in irgendeiner
Form und auf irgendeiner Ebene einstellen. Immer: auf dem Hof genauso
wie im Mammutunternehmen. Doch bereits das Wissen um diesen Kampf
stattet Sie mit einem großen Vorteil aus: der Überraschungseffekt
bleibt aus.
Autorin: Madeleine Linter, Mitinhaberin der Lexington Consulting
AG, Unternehmensberatung, mit Sitz in Zug (CH) und leitet deren Repräsentanz
in Bozen
Quelle: Südtiroler Wirtschaftszeitung 08.09.2000
|